Fundstücke

Pfarrer Andreas Rominger:

Predigt zum Erntedank-Gottesdienst in der Pfarrgemeinde Neubulach
am 30. September 2012

„Ich singe dir mit Herz und Mund“ – oder: „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerszeit an deines Gottes Gaben“. 

So klasse, wie Paul Gerhard in diesen Liedern Bilder malt, die uns so nahe kommen. Paul Gerhard – ein feiner Mensch, super sensibel. Er hätte in unserer Gesellschaft ganz heftig seine Probleme gehabt, weil er kein Mensch der Ellenbogen war. Aber einer, der davon überzeugt war, dass Gott in diese wunderbare Schöpfung ganz viel hineingelegt hat, das als Bild dienen soll. 

„Schau an … … der schönen Gärten Zier, die Bäume, die Lerche, die Glucke mit ihren Kücklein … - oder eben: Die unverdrossne Bienenschar fliegt hin und her, sucht hier und da ihr edle Honigspeise. Schaut an – und lernt daraus. 

Die Schöpfung – ein Predigttext der eigenen Art. Was können wir von den Bienen lernen? 

Ich finde, das Erste, was wir bei genauem Beobachten eines Bienenvolkes lernen können, das ist das Staunen. Das Staunen darüber, was diese kleinen Tiere (jedes wiegt nur 0,1 Gramm) – was diese kleinen Tiere für erstaunliche Fähigkeiten haben und wie faszinierend ihr Zusammenleben ist. 

Sie wollen’s wissen? Ein paar Fakten: Ein Bienenvolk besteht im Sommer aus rund 40 000 Bienen – einwohnermäßig wie eine mittlere Kleinstadt. Jede Biene macht im Sommer zunächst zwei Wochen Innendienst im Bienenstock. Dazu gehören die Pflege der Brut, die Versorgung der Königin, das Bauen von neuen Waben und das Umwandeln von Nektar in Honig. Anschließend macht jede Biene zwei Wochen Flugdienst; sie sammelt Nektar aus Blüten, sie bringt Pollen mit als eiweißreiche Nahrung und sie holt Wasser zur Versorgung der Bienen im Stock. 

Dabei hat sie einen Flugradius von ungefähr zwei Kilometern. Das eingebaute GPS oder Navi der Bienen ist genial. Sie können sich den Standort des Bienenstocks und das Einflugloch ihres Volkes so gut einprägen, dass sie immer wieder zurückfinden und immer ihr eigenes Flugloch finden. 

Fremde Insekten, die in den Stock eindringen wollen werden von speziellen Wächterbienen abgewehrt. Außerdem gibt es besondere Scout-Bienen, die neue Nektarquellen ausfindig machen und die anderen Bienen im Stock durch sogenannte Schwänzeltänze über Richtung dahin und Entfernung informieren. 

Bienen können die Temperatur im Stock auf einem gleich bleibenden Niveau halten; Im Sommer wird durch Fächeln mit den Flügeln gekühlt, so dass nie über 35 Grad entstehen und im Winter rückt das Volk so eng zusammen, dass immer mindesten 25 Grad im Zentrum des Stockes herrschen. 

Eine Königin legt im Sommer täglich etwa 2.000 Eier – das ist in etwa das Doppelte ihres eigenen Gewichtes – kein Wunder, dass sie ständig mit Nahrung versorgt werden muss. 

1 Übrigens: Die Königin ist nicht die Chefin des Volkes, sondern eher das Hauptarbeitstier. Unglaublich – oder? Wie das alles funktioniert – bei 40.000 Einwohner? Keiner, der das große Kommando führt. Keiner, der auf Kosten vieler anderer absahnt – Hammer. Alles und jeder und jede dient dem Erhalt des Ganzen. Optimale Organisation und Arbeitsstruktur – ich glaube, da könnte so mancher Betrieb, so manche Gemeinde, eine Menge lernen. 

Und übrigens: Bienen sind ganz wichtig für uns Menschen. In erster Linie durch das Bestäuben der Blüten. In diesem Jahr, wo es in manchen Gegenden lange kühl und regnerisch war, spürte man das sofort. Wenn die Bienen nicht ausfliegen können, dann werden die Bäume nicht ausreichend bestäubt und dann gibt es im Herbst wenig Obst. Fachleute sagen, dass diese Aufgabe der Bienen noch viel wertvoller ist als die Produktion von Honig. 

Aber lecker Honig – so schön, die Bilder vor dem Gottesdienst. Wie da in den Kindergartengruppen ganz feste Honigbrot gevespert wurde. So nett – und so klebrig. Bis zu der Zeit, als man lernte, Zucker aus Rüben herzustellen, war Honig im Grunde das einzige Süßungsmittel, das den Menschen zur Verfügung stand. Aber: Der Imker muss ganz genau drauf achten, dass er dem Stock nicht zu viel Honig entnimmt, denn das ist ja eigentlich der Vorrat des Bienenvolks für den Winter. In der Regel produziert und braucht ein Volk im Jahr 80 kg Honig und davon entnimmt ein guter Imker höchstens 20 kg – die dann durch Zuckerwasser wieder ersetzt werden. 

Bestäuben, Honig – noch ein Drittes: Bienenwachs. Lange Zeit war Bienenwachs ein begehrter Rohstoff – vor allem zur Herstellung von Kerzen. Solange es noch kein elektrisches Licht gab, war das für die Menschen sehr wichtig. Deshalb gab es lange Zeit für die Imker sogar eine Pflicht zur Abgabe einer bestimmten Menge von Bienenwachs pro Jahr. 

Bestäuben, Honig, Bienenwachs – einfach zum Staunen und Bewundern. Was will uns Gott mit den Bienen sagen? Die Bienenpredigt – sozusagen? 

Zum einen: Die Bienen ordnen alles, was sie tun, dem Erhalt ihres Volkes unter. Jede Tätigkeit dient dem Ganzen. Jede noch so kleine Aufgabe ist wichtig. Und Achtung: Auf uns Christen, auf unsere Kirche und unsere Gemeinde übertragen heißt das: Jede und jeder Einzelne ist wichtig. Jede noch so kleine Tätigkeit ist wertvoll für das Ganze. Keine Rangliste – sondern jeder zählt da gleich, mit seinen ganz individuellen Gaben und Fähigkeiten. Lasst uns nicht nach eigener Ehre streben, sondern Soli Deo Gloria – allein Gott die Ehre. Dann sind Bienen, was ich nicht bin – nämlich unermüdlich. Ein schlauer Mensch hat ausgerechnet, dass eine Biene für ein Pfund Honig 120 000 Flugkilometer zurücklegen müsste – das ist rund drei Mal um die ganze Erde. Das kann sie nicht – aber mit vielen, vielen anderen zusammen. 

Lasst uns draus lernen, dass auch die vielen kleinen Schritte wichtig sind, auch wenn wir oft meinen, das sei nahezu vergeblich. Nein! Jeder kleine Beitrag zum Reich Gottes ist wichtig!

2. Und es würde mich mal überhaupt nicht wundern, wenn Gott sowas von anders beurteilen würde als wir gewohnt sind zu beurteilen. Nein, von den Bienen kann man lernen, dass auch kleine und kleinste Beiträge wertvoll sind. 

Aber ganz wichtig: nicht überfordern. So, wie jeder kann – und auch das kann man von den Bienen lernen. Denn die können ihre Kräfte sehr gut abschätzen und einteilen. Vor dem Flug zu einem Nektarfeld – also etwa einem blühenden Baum – nimmt eine Biene im Stock so viel Nahrung auf, wie sie für den Flug braucht. Dann am blühenden Baum füllt sie ihren Magen mit Nektar ganz voll. Einen Teil davon verbraucht aber der Rückflug – und was übrig bleibt, liefert sie im Stock ab. Sie würde aber nie so weit fliegen, dass der Rückflug alles verbrauchen würde – und sie gewissermaßen ohne Ertrag grad noch so heim käme. 

Und wir? Ausgepowert – burn out! Lasst uns lernen, unsere Kräfte und Möglichkeiten richtig einzuschätzen. Wir müssen nicht die ganze Welt verändern – und auch nicht retten. Wir müssen nur das tun, was in unseren Möglichkeiten steht und was uns nicht überfordert. Und das nicht unbedingt zum Maßstab für andere setzen – denn jeder hat wieder andere Gaben und Fähigkeiten. Noch zwei kritische Punkte zum Schluss: Manchmal teilen sich Bienenvölker, wenn eine neue Königin geschlüpft ist. Die nimmt dann einen Teil des Volkes mit sich und gründet ein neues Volk. Allerdings hat das zur Folge, dass zunächst mal beide Völker geschwächt sind und in der Gefahr stehen, nicht überleben zu können. Auch unter Christen gibt es immer wieder Trennungen. Aber oft bringt das keinen Gewinn, sondern nur eine Schwächung auf beiden Seiten. Jesus hat mal gesagt, als er mit seinen Jüngern vor einem Weinstock stand und dieses Bild mit sich selbst verglich: „So wie die Rebe Frucht bringt, wenn sie am Weinstock bleibt – wer in mir bleibt, mir nachfolgt, der bringt viel Frucht.“ Wer sich von Jesus und Gottes Wort entfernt, der „verschnorzelt“. 

Und das Letzte: Bienen bestäuben so nebenher ganz viele Blüten, die anderen als Nahrung dienen – wie etwa das Obst für uns Menschen. Befruchten wir Christen eigentlich auch unsere Umgebung, so dass da Früchte für andere gedeihen können? Nicht reden, diskutieren, debattieren – tun und leben. Ganz praktisch. 

Nicht zu den unendlichen Talkshows noch eine weitere hinzufügen – sondern Nächstenliebe üben: beim Nachbar, im Betrieb, in der Schule, am Krankenbett. So wird’s immer heller und schöner da, wo wir leben. 

Bienenpredigt? Ohne Bibeltext? Oder doch? Hat da nicht einer mal gesagt: „Seht die Vögel unter dem Himmel: sie säen nicht, sie ernten nicht – und euer himmlischer Vater nährt sie doch. Seid ihr nicht viel mehr als sie?“ Doch, die Bienen gehören dazu. Zu den Lehrbüchern Gottes in seiner Schöpfung, durch die Gott uns so viel lehren will. So wie unsere Kindergartenkinder, von denen wir auch ganz viel lernen können. Und auf die freu ich mich jetzt voll. 

AMEN
Andreas Rominger

Pfarrer Rominger war bis 2013 Pfarrer in Neubulach und wurde danach Militärpfarrer bei der Bundeswehr. Wir danken Herrn Pfarrer Rominger für die Erlaubnis, den Text der Predigt hier zu veröffentlichen.

 

 

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